Auslandsprojekte

Projekt Schule Merlo in Buenos Aires Argentinien

Die Schule „Jesus Obrero“ befindet ich in Merlo am Rande der Hauptstadt Buenos Aires. Die Wohnviertel von Merlo, aus denen die meisten der Schüler der Schule Jesus Obrero kommen, sind von Arbeitslosigkeit, Armut und überdurchschnittlicher hoher Gewaltrate und Alkoholmissbrauch geprägt. Die nötige Infrastruktur wie fließendes Trinkwasser, Abwasserkanäle, Steinhäuser und ausgebaute Straßen sind nur in wenigen Wohnvierteln gegeben. Der Arbeitsmarkt ist übersichtlich, da große Industrien und Dienstleister fehlen. Besonders Jugendliche sind von Arbeitslosigkeit betroffen. Der Schulverein fand in einer Befragung der Eltern der Schüler von Jesus Obrero heraus, dass 18% der Eltern der Schüler arbeitslos sind. 24% sind Gelegenheitsarbeiter ohne feste Anstellung und Rentenanspruch, die zumeist als Tagelöhner, wenn überhaupt, arbeiten. 9% sind in Merlo angestellt, verdienen aber nicht genug um das Schulgeld für ihre Kinder alleine aufzubringen. 14% gehen einer regelmäßigen Arbeit außerhalb von Merlo nach, wohnen aber zu Hause und 35% sehen ihre Familien aufgrund ihrer Tätigkeit nur an Wochenenden und an freien Tagen. Die Arbeit, die es in Merlo gibt, wird von besser ausgebildeten Arbeitskräften ausgeführt. Die meisten Eltern der Schüler von Jesus Obrero haben lediglich die Grundschule (die ersten sechs Jahre) beendet (61 %). Nur 10% beendeten die Sekundärstufe erfolgreich und weniger als 1% haben einen weiterführenden Abschluss.

In vielen Fällen sind die Schüler die ersten in ihrer Familie, die Aussicht auf einen berufsqualifizierenden Schulabschluss haben. Die Schüler kommen zumeist aus kinderreichen Familien mit durchschnittlich fünf bis sechs Kindern mit jungen Eltern. Erschwingliche und gut erreichbare weiterführende Bildungsangebote gibt es nicht. Der argentinische Staat gibt seinen Bildungsauftrag zunehmend an private Bildungsinstitute ab, staatliche Schulen werden geschlossen oder entsprechen nicht mehr heutigen Bildungsanforderungen. In der unmittelbaren Umgebung der Schule Jesus Obrero gibt es eine Privatschule mit Sekundärstufe, für die die Eltern der Schüler allerdings nicht die finanziellen Mittel haben. Die nächste staatliche Schule mit Sekundärstufe liegt weiter weg und hat weder die Kapazität um die Sekundärschüler von Jesus Obrero aufnehmen zu können, noch das Bildungsangebot, das sich die Eltern für ihre Kinder wünschen. Darüber hinaus ist diese staatliche Schule nur schwierig mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen. 

Im Jahre 2009 wurde während eines Besuches mit der Jugendwerkstatt des AKSR im Rahmen von Renovierungsarbeiten (Malerarbeiten) über die Möglichkeit einer Erweiterung der Schule gesprochen, um den Schülern die Möglichkeit zu bieten einen dem deutschen Abitur vergleichbaren Abschluss zu erwerben. Außerdem wurde seitens der Lehrerschaft der Bedarf an mehr Räumlichkeiten aufgrund steigender Schülerzahlen festgestellt. Im Anschluss an den Besuch in Merlo wurden die entsprechenden Anträge beim BMZ und bei der Niedersächsischen Bingostiftung für Umwelt und Entwicklungszusammenarbeit gestellt. Es wurden weiterhin Überlegungen einer Integration von behinderten Schülern in der Schule angestellt. Dies wurde beim späteren Bau durch den Einbau eines Treppenlifts berücksichtigt.  Beim Besuch im Jahre 2011 wurden bereits 2 behinderte Schüler in der Schule unterrichtet.  Während des Projektverlaufs gab es keine Veränderungen im Projektumfeld.

Die Schule zeichnet sich schon seit ihrer Entstehung durch ein großes Engagement der Eltern und Freiwilligen aus, die immer wieder ehrenamtlich in der Schule mitarbeiten. Sie beteiligen sich an der Organisation von Festen und anderen Aktivitäten der Schule, verrichten einfache Bauarbeiten und Instandhaltungen an der Schule. Das große Engagement der Mitarbeiter der Schule beschränkt sich aber nicht nur auf die Schüler der Schule, sondern schließt die Eltern, aber auch die Bewohner von Merlo, mit ein. Die Schule ist zu einem Bildungs- und Freizeitzentrum für die Menschen von Merlo geworden. Erwachsene, Kinder und Jugendliche verbringen dort auch ihre Freizeit, holen sich Rat bei der Arbeitssuche und Hilfe in allen Lebenslagen. Ehrenamtlich wird Schreib- und Leseunterricht für die Erwachsenen angeboten, die keine oder nur eine unzulängliche Schulbildung erhalten haben. Durch den Bau der Schule im Jahre 1993, der ohne die Opferbereitschaft und das große Engagement nicht möglich gewesen wäre, ist der Selbsthilfewillen der Eltern und die Gemeinschaft der Bewohner gestärkt worden.  Der Vorstand und das Lehrerkollegium haben in der Provinz Argentinien durch viele Vorträge in den kirchlichen Gremien der regionalen Pfarreien und in anderen Schulen den Selbsthilfegedanken und den Solidaritätsgedanken der Betroffenen gestärkt. Darüberhinaus besuchen viele Vertreter anderer Schulträger aus der Provinz Argentiniens die Schule, um Erfahrungen zu sammeln und sich auszutauschen. Der Schulverein führte im Vorfeld des Projektes auf mehreren Elternabenden Umfragen zu den Fragen durch, ob eine Sekundarstufe auch von den Eltern gewünscht ist und was für Vorteile sich daraus für ihre Kinder ergeben könnten. Die Eltern sahen die Gründe für ihre eigene soziale Situation und Probleme in ihren eigenen Familien, aber auch in ihrer Umgebung, wie Gewalt, Alkoholismus, Hoffnungslosigkeit und Zukunftsangst, in der Arbeitslosigkeit und fehlenden finanziellen und sozialen Absicherung. Sie gaben an, dass mangelhafte Schulbildung dafür wiederum der Grund sei. Die berufsqualifizierende Schulbildung für ihre Kinder, in Form einer Sekundärstufe, sei der einzige und gewünschte Weg in eine bessere Zukunft. Die Unterstützung der Eltern und der Anwohner der Schule wurde während des gesamten Projektverlaufs deutlich. Die Einweihungsfeier der Sekundarstufe, zu der Eltern, Schüler, wichtige politische und kirchliche Vertreter und auch die unmittelbarer Anwohner eingeladen waren, war ein bedeutendes Ereignis in Merlo und Ausdruck der emotionalen Verbundenheit zu der Schule. 

Der Schulverein „Jesus Obrero“ ist eine staatlich als gemeinnützig anerkannte Organisation, die es zur Aufgabe gemacht hat, die Bildung und Erziehung der Kinder aus sozial schwachen Familien aus Merlo zu verbessern und ihnen damit die Chance auf eine Ausbildung und einen Arbeitsplatz zu geben. Träger des Vereins ist das Bistum Merlo-Moreno. Seit 1969 ist der Ursulinenorden in Merlo aktiv. Seit Mitte der Siebziger Jahre betreuen die Ordensschwestern Kleinkinder aus sozial schwachen Familien. Dieser Kindergarten wurde im Laufe der Jahre zu einer Begegnungsstätte für Familien und zu einem wichtigen sozialen Treffpunkt in Merlo. Die Eltern eben dieser Kinder gründeten 1991 den Schulverein „Jesus Obrero“ mit dem Ziel, eine siebenklassige Grund- und Hauptschule zu planen, die im Jahre 1993 gebaut wurde, mit finanzieller Hilfe des Landes Niedersachsen. Das Bistum übernahm die Trägerschaft, was ihnen die staatliche Anerkennung versicherte. Eine 1. Erweiterung der Schule erfolgte im Jahr 2000, finanziert mit Mitteln des BMZ und Eigenmitteln. Der Schulverein hat sich in all den Jahren durch seine Aktivitäten in der Region Buenos Aires einen Namen gemacht.

Zur Durchführung des Projektes standen der Vorstand des Schulvereins, eine in der Schule tätige Abgesandte des Bischofs von Merlo-Moreno, das Baugremium der Eltern, das Lehrerkollegium, sowie ein Bauingenieur, der vom Staat anerkannt ist, zur Verfügung. Unterstützend wirkte die Schulaufsicht der Bezirksregierung Buenos Aires. Das Team hat sich bereits beim 1. und 2. Bauabschnitt bewährt. Der 1. Bau wurde durch das Land Niedersachsen gefördert, der Erweiterungsbau durch das BMZ. 

Das Ziel des Projektes war es, die schulische Sekundärbildung der 640 Schüler der Schule Jesus Obrero sicherzustellen. Das Projektziel machte den Erweiterungsbau der Schule erforderlich, um die räumlichen Kapazitäten zu gewährleisten. Mit dem Ausbau der Schule wurde den veränderten Anforderungen des argentinischen Bildungssystems Rechnung getragen. Ab 2010 richtete sich das Bildungssystems auf 12 Jahre aus, so dass die Schulen entweder die Klassen 10 – 12 der Sekundarstufe anbieten mussten oder auf die reine Grundschule von sechs Jahren reduziert wurden. Für die Schule Jesus Obrero hätte dies  bedeutet, 200 Schüler aus der Schule zu entlassen, sowie 22 Lehrer. Durch einen qualifizierten Bildungsabschluss sollen die Kinder und Jugendlichen die Möglichkeit erhalten, den Teufelskreis der Armut zu durchbrechen. Die Verbesserung der Bildungsstruktur eröffnet den Kindern größere Chancen auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt. Als Erwachsene von Morgen können sie teilhaben an der Gestaltung des gesellschaftlichen Lebens in Argentinien.

Im März 2011 startete der erste Jahrgang der Sekundarstufe in dem neugebauten Stockwerk. Im März 2012 rückte der neue Jahrgang nach. Die Sekundarstufe hat mit zwei Jahrgängen (1. & 2. Jahr der Sekundarstufe) 252 Schüler.  Der Start der Sekundarstufe war ursprünglich mit ca. 200 Schülern geplant. Im nächsten Jahr wird der erste Jahrgang den berufsqualifizierenden Abschluss machen und die Sekundarstufe wird mit drei Jahrgängen und sechs Klassen komplett sein. Schon jetzt gibt es für die Sekundarstufe, aber auch für die Grundschule von Jesus Obrero Wartelisten.  

Im Rahmen des Ausbaus wurden auch Räume für den Computerunterricht geschaffen, da der Umgang mit gängigen Computerprogrammen und dem Internet in der heutigen Zeit eine wichtige Voraussetzung für die spätere erfolgreiche Arbeitssuche ist. Die Einrichtung der Sekundärstufe erforderte auch die räumliche Erweiterung der Verwaltung der Schule, die sich bisher in dem vorhandenen Schulgebäude befand. Entsprechende Sanitäranlagen, inklusive eines Behinderten WCs, sieht das Stockwerk, das gebaut wurde, außerdem vor. Die Ausbildung der Schüler beschränkt sich an der Schule Jesus Obrero auch im Sekundärbereich nicht nur auf den Schulplan, sondern es werden durch die räumliche Erweiterung zusätzliche Bildungsangebote für die Schüler und Eltern angeboten. Tanz- und Filmkurse, sowie Kurse in Töpfern und Holzarbeiten können die Schüler besuchen. Viele der Eltern der Schüler verfügen über keine oder nur kurze schulische Ausbildung, die meist nicht über den Besuch der Grundschule hinausgeht. Durch die Erweiterung der räumlichen Kapazitäten der Schule werden ab August 2012 Angebote in der Erwachsenenbildung ausgebaut und gefördert werden, die ehrenamtlich von Fachpersonal begleitet werden.

Das Projekt war in der Gesamtbewertung ein voller Erfolg und markiert den erfolgreichen Abschluss eines Gesamtprojektes, das 1993 mit dem Bau der ersten Klassen (finanziert vom Land Niedersachsen) begann, im Jahre 2000 erweitert wurde und durch den Bau der Sekundarstufe vervollständigt wurde. Die Kinder von Merlo und Umgebung können heute an der Schule „Jesus Obrero“ einen berufsqualifizierenden Abschluss erhalten und haben damit sehr gute Voraussetzungen auf dem Arbeitsmarkt. Die Schule kommt damit dem Bedarf an Sekundarbildung nach, die auch von armen Familien finanziert werden kann. Die Schule hat sich im Laufe der Jahre über die Grenzen von Merlo hinweg, einen ausgezeichneten Ruf erarbeitet, da sie ein qualitativ hochwertiges Bildungsangebot mit der herzlichen und werteorientierten Betreuung der Schüler verbindet. Von der ersten Klasse bis zur Sekundarstufe gibt es jedes Jahr Wartelisten, da mehr Eltern ihre Kinder gut betreut in dieser Schule wissen wollen, als Kapazitäten vorhanden sind. Aber nicht nur die Schüler fühlen sich wohl in der Schule. Sie ist im Laufe der Jahre zu einem Familien- und Beratungszentrum und damit zu einem lokalen Zentrum in Merlo geworden und wurde durch den Erweiterungsbau weiter verankert. Das Engagement der Mitarbeiter, Schüler, Eltern, aber auch der Anwohner für die Schule ist überdurchschnittlich hoch. Diesen starken Rückhalt in der Gemeinschaft und die emotionale Verbundenheit aller Beteiligten zu der Schule ist bei der Bewertung der Relevanz und Wirksamkeit des Projektes ebenfalls ein überaus wichtiger Faktor. 

Die Schüler, die in Zukunft an der Schule Jesus Obrero ihren berufsqualifizierenden Abschluss machen werden, sind in der Regel die ersten in ihren Familien, die eine sehr gute Chance auf dem Arbeitsmarkt haben werden und auch beruflich ihre Zukunft gestalten können. Durch eine sehr gute Schulbildung sind sie nicht gezwungen, im Gegensatz zu einer großen Anzahl der Eltern, als Tagelöhner oder im informellen Sektor zu arbeiten. Damit leistet das Projekt einen nachhaltigen und bedeutenden Beitrag zur Zukunft dieser Kinder und Jugendlichen. Da der Bedarf an Sekundarbildung schon jetzt sehr viel größer ist, als Kapazitäten in der Schule vorhanden sind, kann man von einer sehr guten Lebensfähigkeit der Sekundarstufe ausgehen. 

Der wichtigste Faktor der Folgekosten der Schule sind die Gehälter der Lehrkräfte, die die argentinische Bezirksregierung finanziert. Die Gehaltszahlungen für die Lehrkräfte der Sekundarstufe wurden zunächst erst ab März 2012 zugesagt. Dies hätte bedeutet, dass die Schule die Gehälter für ein Jahr durch eigene Mittel (Spenden etc.) hätte aufbringen müssen, was zu erhebliche finanziellen Engpässen geführt hätte. Durch das persönliche Engagement eines Vertreters der Bezirksregierung, der sehr begeistert von dem Projekt ist, erhalten die Lehrkräfte bereits seit März 2011. Es kommt allerdings immer wieder zu verspäteten Zahlungen oder Zahlungsausfällen. In diesem Fall überbrückt die Schule mit begrenzten Mitteln oder die Lehrkräfte verzichten freiwillig auf ihr Gehalt. Es kommt auch dazu, dass die Eltern und Anwohner der Schule Lebensmittel für diese Lehrkräfte sammeln, was ein erstaunlicher Ausdruck von Gemeinschaftssinn ist.

Die Geschichte der Schule ist eine Erfolgsstory. Es ist kein „Tropfen auf dem heißen Stein“, der verdunstet. Das Schulprojekt ist nachhaltig, weil es die Chancen der Kinder verbessert. Das Geld ist in diesem Projekt sehr gut angelegt. 

Den Schülern ist durch die Erweiterung der Schule die Möglichkeit gegeben bis zum Abitur die Schule zu besuchen. Dies war bis zu diesem Zeitpunkt aufgrund der fehlenden Mobilität nicht möglich. Eine Inklusion hat ebenfalls stattgefunden. Behinderte Schüler haben ihren Platz in der Schulgemeinschaft gefunden.

Ansprechpartner

Helmut Fennen
Geschäftsführer
Tel.: 04967 912310
E-Mail: helmut.fennen@aksr.de